Musik ist Lebensmittel

Mann, der singt

Gemeinfrei via pixabay/ aaron00023

Musik ist Lebensmittel
Singen baut auf und verbindet
13.06.2021 - 07:05
05.06.2021
Lucie Panzer
Über die Sendung:

Musik und Lieder können einen umstimmen, besänftigen zum Beispiel oder beflügeln. Melodien und Rhythmen reißen einen mit. Sätze, die man singt, rühren einen mehr an und prägen sich ein. Lieder können einen tragen. Davon erzählen und das reflektieren Lucie Panzer und Wolf-Dieter Steinmann in ihrer Sendung. Natürlich ist da auch viel Musik drin.

Der "Feiertag" im DLF zum Nachhören und Nachlesen.

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Sendung nachlesen:

Kühe geben mehr Milch, wenn sie Musik hören. Wissenschaftler haben Untersuchungen gemacht ohne Musik und mit Rockmusik und klassischer Musik und festgestellt, dass dem so ist. Klassik war in vielen Untersuchungen vorne. Vor allem ruhige, melodische Musik beruhigt die Tiere und wirkt sich positiv auf ihre Psyche aus. Sie fühlen sich besser und das hat dann auch physiologische Wirkungen. Die Kühe geben mehr Milch. Seither kann man aus manchen Kuhställen Mozart hören.

 

Wir glauben Mozart hätte seine Freude daran gehabt. Musik macht das Leben leichter, hilft den Alltag zu bewältigen. Musik ist Lebensmittel. Dieser Erfahrung (die Menschen ja auch machen) möchten wir nachgehen.

 

Musik wirkt beruhigend, ausgleichend, heilend. Die Bibel zum Beispiel erzählt: Im 10. Jahrhundert vor Christus war Saul König in Israel. Dieser König wurde mit der Zeit unberechenbar, sein Gemüt verfinsterte sich. Ein „böser“ Geist kam über ihn, interpretiert die Bibel. Heute würde man wohl sagen, Saul wurde depressiv. Da suchte man einen jungen Mann, der Harfe spielen konnte. Die Knechte Sauls fanden David, einen Hirten. Und von da an machte David für den König auf seiner Harfe Musik. „So erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm“ (1. Sam 16, 23), notiert die Bibel.

 

Heute macht sich die Musiktherapie diese Wirkung der Musik zunutze. Auf Musik reagiert auch noch ein schwer geschädigtes Gehirn, zum Beispiel nach einem Schädel-Hirn-Verletzung. Schon bei frühgeborenen Säuglingen und Säuglingen mit Behinderung kann man beobachten, wie sie ruhiger und aufmerksamer werden und ihre Wahrnehmungsfähigkeit steigt, wenn sie mit Musik angesprochen werden.

 

Eine besondere Rolle spielt das Singen. Singen hilft, den Alltag positiv zu bewältigen und ist Lebenshilfe. Martin Luther hat diese Beobachtung so beschrieben:

 

"Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht."

         

Neuropsychologen haben festgestellt, wie das Gehirn beim Musikhören oder Singen arbeitet. Besonders beim Singen, sagen sie, wird die Verbindung von rechter und linker Gehirnhälfte gefördert. In der rechten Gehirnhälfte liegen  die Bereiche für Intuition und Gefühl, links ist das analytische, kognitive Denken verortet. Durch Musik wird die rechte Gehirnhälfte angesprochen und so die einseitige Beanspruchung der linken Hälfte z.B. durch Stress, belastende Gedanken und überfordernde Reize abgebaut. So kann sich die linke Gehirnhälfte beim Singen entspannen.

 

Viele Lehrerinnen und Lehrer in der Grundschule wissen, wie gemeinsames Singen hilft, dass sich unruhige und überanstrengte Schulklassen entspannen und anschließend konzentriertes Arbeiten wieder möglich ist. Mütter und Väter erleben diese beruhigende und ausgleichende Wirkung der Musik, wenn sie ihre Kinder in den Schlaf singen. 

 

Menschen sind Resonanzwesen. Zu leben bedeutet, das was man in sich trägt, zum Klingen zu bringen. Hörbar für andere. Leben ist Resonanzerfahrung, sagt der Soziologe Hartmut Rosa.

 

Ich erzeuge Resonanz bei anderen. Ich schaue andere Menschen an, ich spreche zu Ihnen, ich schäkere mit einem Kind. Und ich sehne mich nach Antwort und freue mich daran. Leben will Resonanz. Lieber eine schrille Reaktion als tonloses Schweigen.

 

Der Pfarrer und Liedermacher Fritz Baltruweit hat ein Lied von der Resonanz geschrieben, die das Leben im Singen spürbar macht  

 

Der Text ist aus dem Französischen übertragen: „Je chante pour toi un nouveau cantique“. „Ein neues Lied singe ich Dir.“ Das ist eine Antwort auf den biblischen Psalm 96. Dort werden Menschen animiert, das was sie erleben, vor Gott auszudrücken.

 

Singet dem Herrn ein neues Lied…

          Er hat den Erdkreis gegründet, dass er nicht wankt…

          Der Himmel freue sich und die Erde sei fröhlich

          Das Meer brause und was darinnen ist.

          Das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist;

          Es sollen jauchzen alle Bäume im Walde

 

In diesem Psalm werden Menschen und die ganze Schöpfung inspiriert, ihre Lebenserfahrungen zu singen. So klingt Resonanz für Gott, den Schöpfer.

 

Die Kirchenmusikerin Christa Reich erklärt: „Im Singen sprechen die Singenden ihr eigenes Leben, ihre Zeit und Welt in Richtung auf ein du, auf Gott, hin aus: …Sie singen Worte, die trösten und ermahnen oder erzählen, was Gott getan hat. Wer auf das achtet, was er singt, wird erfassen, dass das Gesungene ihn selbst betrifft und dass er es sich zu eigen machen soll. Er selbst wird angeredet, während er singt.“

 

Musik hat befreiende Kraft. Die Bibel erzählt von Paulus und seinem Gefährten Silas. Mit ihrem Reden von Jesus Christus hatten sie Menschen in Aufruhr versetzt. Deswegen hatte man sie verhaftet, ausgepeitscht und dann im Kerker angekettet. Aber mitten in der Nacht fangen die beiden Gefangenen an zu singen. Sie haben Loblieder für Gott gesungen, heißt es. Und ausdrücklich noch dazu: Die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu. (Apg 16)

 

Und da passiert es. Ein Erdbeben erschüttert das Gebäude, Ketten fallen ab, Türen öffnen sich, die Gefangenen sind frei. Das klingt unglaublich. Aber jedenfalls passiert genau das, was Musik kann: Musik löst Ängste und beruhigt. Musik weckt auch Gefühle: Schon oft in ihrem Leben werden die beiden Gefangenen Loblieder gesungen haben. Und jetzt kommen die Gefühle wieder, die damals in ihnen waren: Dankbarkeit, Zuversicht und Gottvertrauen. Zwei Menschen singen. Einer stützt den anderen, einer allein würde den Mund vielleicht nicht aufkriegen. Aber zu zweit geht es. Auf einmal fühlen sich die Gefangenen frei. Haben keine Angst mehr.

 

Loblieder haben sie gesungen. Die Loblieder in biblischer Zeit, das waren die Psalmen. Über die hat Martin Luther gesagt, dass

 

„ein jeglicher, in welchen Umständen er auch ist, …Worte darinnen findet, die sich auf seine Sachen reimen und ihm so angemessen sind, als wären sie allein um seinetwillen so gesprochen, dass er sie auch selbst nicht besser sprechen noch finden kann noch wünschen mag.“

 

Gefangene werden frei. Bedrückte können sich aufrichten. Solche Kraft hat Musik. Was klingt wie ein Wunder, erfahren Menschen bis heute. Ein junger Vater hat uns erzählt, wie das war, als sein Sohn im Sterben lag.

 

Normalerweise musst Du ja abends die Intensivstation verlassen und es war die erste und gleichzeitig letzte Nacht mit ihm. Und es war traurig schön, wirklich, bei ihm zu sein, als sein kleines, Herz dann am frühen Morgen aufgehört hat, zu schlagen. Die Trauer und der Schmerz in dieser Nacht waren echt groß und am Ende war ich einfach froh, dass ich auf der Intensivstation ne Gitarre hatte, um dieser Ohnmacht, aber auch dieser Hoffnung und Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Diese Lieder zu haben. Und so auch, den Kontakt zu Gott nicht abreißen zu lassen. Es war echt ein heiliger Moment für mich. Und es war berührend, dass andere das in dem Augenblick so ähnlich erlebt haben. Z.B. haben sich zwei Pflegerinnen dann zu uns gesetzt ins Zimmer. Die haben mit uns geweint und der Musik zugehört. Und ich glaube, dass Gott Musik genau für solche Momente gemacht hat. Und, ja, spätestens seit diesem Erlebnis bin ich davon überzeugt, dass wir durch Musik Gott vielleicht näher kommen als durch alles andere.“                                                                                                               

 

Singen macht glücklich. Musik und Lieder können einen umstimmen, von moll nach Dur gewissermaßen.  Melodien und Rhythmen reißen einen mit, Worte prägen sich ein.

         

Lieder können einen neu beleben, wenn das Leben einem zu schaffen macht. Sogar, wenn man mit seinem Leben gescheitert ist, wenn die Enttäuschungen groß sind und es so aussieht, als sei das Vertrauen auf Gott nur eine fromme Illusion – dann können Lieder einen tragen.

 

Ich selbst kann nicht so gut singen. Meine Stimme ist brüchig und die Melodie halten kann ich auch nicht immer. Aber mitsingen kann ich. Und ich singe gern mit anderen. Wenn ich am Sonntag im Gottesdienst zum Beispiel gesungen habe: „Tobe Welt und springe, ich steh hier und singe, in gar sich‘rer Ruh…“ Und: „Gottes  Macht hält mich in Acht“: Dann singt das Lied auch im Alltag in mir weiter: Die Melodie spült mir den Text wieder ins Gedächtnis, gerade dann, wenn mir vielleicht sonst die Worte fehlen und mir der Mut ausgeht.

 

Gunter Kreutz, Musikwissenschaftler an der Universität Oldenburg hatte in einer Studie mit erfahrenen Chorsängern ausführlich bestätigt, dass sich Singen positiv auf Körper und Psyche auswirkt. Aber könnte das auch für Menschen gelten, die eigentlich noch kaum einmal gesungen haben und denen oft auch nicht nach Singen zu Mute ist? Kann man sich glücklich singen?

 

Gemeinsam mit dem Multitalent Anke Engelke hat er per Annonce Menschen zum Chorsingen eingeladen, die sich selbst als unglücklich bezeichnet haben. Dieser „Chor der Muffeligen“ hat sich 12mal getroffen. Am Anfang, mittendrin und am Ende der 12 Wochen haben die Teilnehmer des Projekts psychologische Fragebögen ausgefüllt. Außerdem wurde die Konzentration des Hormons Oxytocin in ihrem Speichel gemessen. Oxytocin wirkt stresslösend, reduziert die Ängstlichkeit und führt zu Wohlbefinden. Und das Ergebnis: Auch bei Laienchorsängern war der Oxytocinwert signifikant höher als in einer Vergleichsgruppe. Singen macht also tatsächlich glücklich!
 

Natürlich kann auch das Singen missbraucht werden. Man kann Menschen manipulieren, man kann andere ausgrenzen und verletzen, indem man singt. Manche Hymnen tun genau das, sie grenzen aus und verletzen. „Deutschland über alles“ war ein Beispiel und wird zum Glück nicht mehr gesungen. Auch viele Hymnen der Fußballvereine sollen als Schmähgesänge die Gegner schwächen und verletzen. Aber sie schaffen doch auch Gemeinschaft unter den Sängern, genau wie das gemeinsame Mitsingen beim Popkonzert.

 

„Stell dir vor, ich gehe hier sogar manchmal in die Kirche!“ hat mir Annette vor ein paar Jahren in einer e-mail geschrieben. Damals war Annette gerade 18 und für ein Jahr in Indonesien, auf Bali. Sonst ging sie eigentlich nur an Weihnachten in die Kirche. Aber damals auf Bali wurde das auf einmal anders. Annette hat eine christliche Kirche gefunden und geschrieben: „Manchmal singen sie ein Lied, da verstehe ich zwar den Text nicht, aber die Melodie ist wie bei uns – da singe ich dann einfach mit, la la la, das merkt keiner, weil die anderen so laut singen. Dann fühle ich mich gar nicht mehr fremd. Dann habe ich das Gefühl, ich gehöre dazu und bin fast schon ein bisschen zu Hause.“

 

Wenn alles fremd ist: das Klima, die Sprache, das Essen und die Menschen sowieso – dann freut man sich, wenn man etwas Vertrautes entdeckt. Noch besser, wenn einen das Vertraute mit den Fremden verbindet. Das gemeinsame Singen kann so etwas sein, das einen mit anderen, auch mit ganz Fremden verbindet.

 

Das Singen mit anderen bringt einem nahe, von was sie singen. So kann das Singen auch Glauben und Gottvertrauen transportieren. Und man kann erst die Töne, dann die Worte und irgendwann vielleicht auch den Glauben probieren, den die Lieder ausdrücken. Das jedenfalls hat Tine Wiechmann, Pop-Kirchenmusikerin aus Heidelberg von ihrer Zeit im Kirchenchor erzählt:

 

Ich bin ich einer atheistischen Familie groß geworden. Inzwischen bin ich relativ fromm. Aber es hat Jahre gegeben, da konnte ich das gut singen und es ein wenig noch wie ein Kostüm anprobieren. Das ist ein wunderbarer Weg. Dieser Chor hat mich ganz nah wieder an die Kirche herangeführt. Nicht zuletzt wegen dem Pastor, der uns in Gottesdiensten singen ließ, ohne irgendeinen Bekenntnisdruck, hatte ich da das Gefühl: ah ja, da ist doch was.

 

Singen integriert, weil es Heimat bietet. Im fremden Land, unter fremden Menschen, in fremdem Glauben, auch in sich selbst, wenn man sich selbst fremd geworden ist.

 

Beim Gottesdienst im Pflegeheim hat es mich immer wieder erschüttert und zugleich sehr bewegt. Zu sehen wie belastete und geplagte Menschen, der Kopf macht oft nicht mehr mit, beim Singen auf einmal ganz anders da sind. Etwa bei einem Volkslied, oder noch mehr bei Liedern aus dem Gesangbuch. Vor 70, 80 Jahren haben sie es gelernt und plötzlich kommt es wieder: “Befiehl Du Deine Wege“ von Paul Gerhardt zB; und auf einmal singen sie. Auch die, die sonst nie was sagen. Manchmal falsch, schräg, und obwohl zahnlos, doch auch mit Text. Und ich habe viele von den alten Menschen dabei weinen sehen. Ganz tiefe Gefühle gespürt beim Singen. Oft ist bestimmt Trauer dabei, Wehmut, aber auch ganz viel Sehnsucht und Glück. Mit dem Singen wird Gutes wieder wach, was sonst zugedeckt ist. Ich bin ganz sicher: Singen können ist für alte Menschen ein Glück. Wie gut, dass sie die alten Lieder damals auswendig gelernt haben.  Und oft gesungen.

 

Oft ist der Text ja gar nicht einfach. Aber er ist so tief verankert, dass er wieder zurückkommen kann aus der Erinnerung. Und trösten und glücklich machen. Wenigstens für einen Moment finden auch Demente sich wieder zurecht in sich selbst. Gut, wenn wir Jüngeren diese alten Lieder anstimmen können und ihnen so zu glücklichen Momenten ve4rhelfen.

 

Und wer wird mit uns singen, wenn wir alt sind? Und was? Damit wir getröstet werden und Glück spüren? Yesterday? Oder Sailing? Oder „God ist watching us, from a distance“? Oder vielleicht doch besser: „Lobe den Herren“? Ich hoffe, unsere Jungen werden die Lieder noch kennen, damit sie auch mit uns singen und wir glücklich sein können.

 

Singen hält die Hoffnung wach, auch die auf Erlösung. Im Singen erreichen einen Worte, die man nicht mehr oder noch nicht sagen kann. Und singen kann uns auch die Welt verzaubern. Es kann ihr einen Glanz zurückgeben, den sie sonst oft verloren hat. Gesungene Worte können uns die Welt wieder schön machen, wo sie uns selbstverständlich oder sogar alt und hässlich geworden ist. Aber diese Kraft haben oft nur gesungene Worte. Gesprochen hätten sie diese Kraft nicht oder wir würden ihnen misstrauen.

 

Musik verzaubert nicht nur im Augenblick des Zuhörens, sie macht mir auch die Verheißung glaubhaft, dass Menschen durch die Liebe über sich hinauswachsen können.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

 

Musik dieser Sendung:
 

  1. Berliner Philarmoniker, W.A. Mozart, Andante, CD-Titel: W.A. Mozart, Eine kleine Nachtmusik
  2. Ella Fitzgerald/ Louis Armstrong, Summertime, CD-Titel: Porgy and Bess
  3. Fritz Baltruweit, Ich sing dir mein Lied, CD-Titel: Gott gab uns Atem
  4. Bachchor Siegen, Paul Gerhardt, Du meine Seele singe, CD-Titel: Anno Domini, Geistliche Chormusik aus 2 Jahrtausenden
  5. Jesus Culture, Chris Ouilala, Your Love Never Fails, CD-Titel: Your Love Never Fails
  6. Amarcord, J.S. Bach, Weicht ihr Trauergeiser, CD-Titel: J.S. Bach, Die Motetten
  7. Wise Guys, Sing mal wieder, CD-Titel: Klartext
  8. Bachchor Siegen, Paul Gerhardt, Befiehl du deine Wege, CD-Titel: Paul Gerhardt Liederschätze Teil 1
  9. Solistenensemble Schnitter, Paul Gerhardt, Geh aus mein Herz (Strophe 1), CD-Titel: Liederschätze
  10. Reiner Regel, Ian Keßler, Paul Gerhardt, Geh aus mein Herz, CD-Titel: Sacrefleur Jaune
05.06.2021
Lucie Panzer