Non-Relationships

Morgenandacht
Non-Relationships
09.06.2021 - 06:35
Sendung zum Nachhören

Die Sendung zum Nachlesen: 

Die junge Frau versteht die Welt nicht mehr. 500 Dollar hat ihr gerade der Gastgeber einer Party angeboten. Dafür, dass die junge Frau ihm bei der Organisation geholfen hat. Dafür, dass sie sich extra ein neues schickes Kleid gekauft hat. Und dafür, dass sie die Gäste begrüßt und sich um sie gekümmert hat. 500 Dollar für diese Hilfe. Das scheint ein gutes Angebot zu sein. Aber die junge Frau ist davon ausgegangen, dass sie mit dem Mann zusammen ist. Dass sie eine Beziehung führen. Noch am Morgen hatten sie miteinander geschlafen. Wie schon des öfteren.  Für die junge Frau ganz klare Beweise dafür, dass die beiden ein Paar sind. Der Mann sieht das anders. Er sagt: „Wir? Ein Paar? Nicht, dass ich wüsste.“

Das ist eine Szene aus einer amerikanischen Fernsehserie. Und was die junge Frau hier erlebt, ist ein Phänomen, das gar nicht so selten ist. Viele Menschen führen mittlerweile sogenannte „Nicht-Beziehungen.“ Das heißt, sie verbringen Zeit mit einem anderen Menschen, fahren zusammen in den Urlaub, stellen einander die besten Freunde vor, sind intim miteinander. Aber ein Paar sind sie nicht. 

In den USA ist das Phänomen dieser „non-relationships“ mittlerweile so weit fortgeschritten, dass Ratgeber schon erklären, wie sie am besten eine Nicht-Beziehung beenden. Oder warum es sinnvoll ist, eine Nicht-Beziehung zu führen. Die vermeintlichen Vorteile liegen dabei ja auf der Hand: Das, was Spaß macht an einer Beziehung, nimmt man mit. Die Verantwortung lässt man außen vor. Wenn es schwierig wird in der Beziehung –  kann man einfach gehen. Wenn man einen besser aussehenden Menschen trifft –  kann man einfach zugreifen. Und wenn man schlichtweg keine Lust mehr auf Beziehung hat – auch nicht schlimm. Man muss ja im Grunde nicht mal Schluss machen. Denn man hat ja gar keine echte Beziehung mit dem Part-ner. Und was nicht da ist, muss man auch nicht beenden. 

Von einer anderen, einer „echten“ Beziehung, erzählt das biblische Buch Ruth. Es geht um das Schicksal einer jüdischen Familie. Weil es in Bethlehem eine Hungersnot gibt, geht eine Frau namens Noomi mit ihrem Mann und den zwei Söhnen ins benachbarte Moab. Kurze Zeit später stirbt der Mann. Die beiden Söhne heiraten jeweils eine moabitische Frau. Die Ehen bleiben kinderlos. Als schließlich auch die beiden Söhne sterben, beschließt Noomi, allein zu-rück nach Israel zu gehen. Aber eine ihrer Schwiegertöchter, die Moabiterin Rut, besteht da-rauf, Noomi zu begleiten. Und das, obwohl sie als Moabiterin in Israel kein großes Ansehen genießt. Rut sagt zu  Noomi: „Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen!“ 

Für mich ist diese Geschichte ein Musterbeispiel für Beziehungen. Und da spielt es überhaupt keine Rolle, dass Noomi und Ruth kein Liebespaar sind, sondern Schwiegertochter und Schwiegermutter. Entscheidend ist, dass die eine hier Verantwortung für die andere über-nimmt. Rut lässt Noomi nicht allein und nimmt dafür sogar Nachteile für sich in Kauf. 

Menschen, die in Nicht-Beziehungen leben, werden nie die Erfahrungen von Noomi und Rut machen. Sie werden nicht erleben, wie es ist, einen treuen Begleiter zu haben. Und auch nicht wie es ist, einem anderen ein treuer Begleiter zu sein. In guten wie in schlechten Zei-ten. Kritisieren muss man Menschen in Nicht-Beziehungen nicht. Ich denke, sie sind eher zu bemitleiden. Denn sie verpassen solche existentiellen Lebenserfahrungen.
 
Die junge Frau in der US-Fernsehserie ist zwar geschockt und traurig über die Unverbindlich-keit des Mannes, den sie für ihren Partner hielt. Aber gerade diese Empfindungen zeigen: Be-ziehung ist für sie etwas Verbindliches. Mit allem, was dazu gehört. Freiheit und Verantwor-tung, die einander nicht ausschließen. Der französische Philosoph Albert Camus hat sein Ideal einer Beziehung so beschrieben: “Geh nicht vor mir her – ich könnte dir nicht folgen, denn ich suche meinen eigenen Weg. Geh nicht hinter mir her – ich bin gewiss kein Leiter. Bitte bleib an meiner Seite und sei nichts als ein Freund – mein Begleiter.”
 

Es gilt das gesprochene Wort.