Der Gesang der Nachtigall

Wort zum Tage

Gemeinfrei via unsplash/ Heye Jensen

Der Gesang der Nachtigall
von Pröpstin Christina-Maria Bammel
30.05.2024 - 06:20
17.03.2024
Pröpstin Christina-Maria Bammel
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Es ist mir ein Rätsel, wie sie es fertigbringt. Aber ich kann sie besonders in diesen Zeiten hören, selbst im Lärm der Stadt, die auch nachts kaum zu schlafen scheint. Wenn ich in der Nähe des Parks an der Ampel stehe und auf Grün warte, dann kommt mir ihre Melodie direkt ins Ohr.

Kaum zu glauben, dass sich dieser Himmelsbewohner so einen rauen städtischen Ort suchen. Und wie sie gerade jetzt alles geben, die Nachtigall-Männchen, um eine passende Partnerin für die Familienplanung zu finden. Knapp 200 Strophen soll so eine Nachtigall draufhaben. Meint die Buchautorin Silke Kipper.

Ein Jazzmusiker war vom Gesang der Nachtigall so begeistert, dass er versucht hat, mit den kaum 20 Zentimeter großen Vögeln gemeinsam zu musizieren. Während dieses Projekts hat der Künstler Berlin für sich als DIE Stadt der Nachtigallen entdeckt. Ihre Melodien berühren. Und erst diese herrlichen Stille-Phasen, die sie einlegen. Wie hineinkomponiert.

Eine Nachtigall hat Rosa Luxemburg im Gefängnis die Liebe zum Leben zurückgegeben. Luxemburg schreibt von einem krachenden Gewitter. Der Himmel sei danach einfarbig grau geworden. Eine fahle, gespenstische Dämmerung habe sich auf die Erde herabgesenkt. Der Regen sorgte für Zusatztraurigkeit. In dieser unheimlichen Stimmung fängt vor dem Fenster der Gefängniszelle auf dem Ahornbaum eine Nachtigall zu singen an. Schmettert aus Leibeskräften, als wollte sie den Donner übertönen.

„Ich habe nie so Schönes gehört“, schreibt Rosa Luxemburg. „Das war so geheimnisvoll, so unbegreiflich schön, und ich wiederholte unwillkürlich den letzten Vers jenes Goethe’schen Gedichts: ‚O wärst du da!’“

Zwitschernder Trost. Das vermag ein kleiner Sehnsuchtsvogel mit einem ganzen Orchester unter dem Gefieder! Wie aus einer anderen Welt mit seinen Laut-Leise-Effekten, mit seinen fast himmlischen Obertönen gegen den Lärm der Krisen und Katastrophen, den Lärm der Zeit.

Auch mit diesem zart klagenden Unterton - wie zum Trost aller, die sich nach Trost sehnen. Viele Menschen warten - auf das Ende der Nacht im Krankenhaus oder auf das Ende ihrer Einsamkeit. Manche warten darauf, dass sie endlich die Seite wechseln dürfen und die Lichter in ihrem Leben auf Grün springen.

Die Nachtigall erinnert mich, wie schwierig es sein kann, beim Warten die Ober- und Untertöne des Lebens zusammenzuhalten. Sie schafft das kunstvoll mit ihren 20 Gramm Körpergewicht. Und sie zwitschert zu mir rüber: Es geht! Du kannst es fertigbringen, gegen den Krach in deinem Leben, gegen die Ängste anzusingen. Und das ist wunderschön.

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Literaturangaben:

(1) Silke Kipper, Die Nachtigall. Ein legendärer Vogel und sein Gesang, suhrkamp 2022.

(2) Quelle zu Rosa Luxemburg: https://doi.org/10.5169/seals-139535)

 

 

17.03.2024
Pröpstin Christina-Maria Bammel