Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis. Zum Weltflüchtlingstag

Erst ein „Bambi“, dann Gefängnis. Zum Weltflüchtlingstag
spricht Pastoralreferentin Lissy Eichert aus Berlin
20.06.2021 - 00:15

Guten Abend.

Vor sechs Jahren verließen zwei Profi-Schwimmerinnen ihre Heimat Syrien. Die Schwestern Sarah und Yusra Mardini flohen über das Mittelmeer - in einem völlig überladenen Schlauchboot mit 20 Personen, darunter ein vierjähriges Kind.

Als das Boot zu sinken drohte, sprang Sarah ins Wasser, um schwimmend das Boot hinter sich her zu ziehen. Auch ihre Schwester sprang ins Meer. Dreieinhalb Stunden lang zogen die jungen Frauen das Boot. So lange, bis sie die Lichter der Insel Lesbos sahen. „Thank God, we made it!“ – Gott sei Dank, wir haben es geschafft.

Die Mardini-Schwestern setzten alles ein, um ihr Leben und das der anderen vor dem Ertrinken zu retten. Dafür wurden sie sogar mit dem „Bambi“ ausgezeichnet.

Sarah hat in Berlin eine neue Heimat gefunden. Aber Lesbos kann sie nicht vergessen. Immer wieder kehrt sie zurück, unterrichtet die Kinder im Camp, leistet Erstversorgung für Geflüchtete, die die Küste erreichen.

Und muss deswegen für drei Monate ins Gefängnis, bevor sie gegen Kaution freikommt. Die Anschuldigung der griechischen Behörden ist hart: Menschenschmuggel. Ihr drohen jetzt bis zu 25 Jahren Haft. Irgendetwas stimmt hier nicht: Erst gibt‘s den „Bambi“, jetzt Gefängnis?

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Verkehrte Welt. Wer hilft, dass Menschen überleben, wird kriminalisiert.

Heute sind weltweit mehr als 80 Millionen Menschen auf der Flucht. So viele, wie Deutschland Einwohner hat. Ihre Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.

Und europäische Staaten schauen weg oder kaufen sich frei. Tragödien wie in den Flüchtlingscamps werden oft schlicht ausgesessen. Europa fehlt eine gemeinsame, wirksame Migrations- und Asylpolitik. Ausgerechnet Staaten, in denen die Grundrechte hochgehalten werden, beschlagnahmen Rettungsschiffe, stellen die Seenotrettung unter Strafe.

Der Versuch, die Schotten an den Grenzen dicht zu machen, ist gescheitert. Allein von Jahresbeginn bis heute sind mehr als 750 Menschen ertrunken. Sie hatten versucht, das Mittelmeer zu überqueren. Und Flüchtlingshelfer und –helferinnen werden verhaftet – wie absurd!

Was würde Jesus sagen zu dieser Abschottungsmentalität? Würde er von der Flucht seiner eigenen Familie erzählen? Oder ein Gleichnis über Flucht und Migration, das uns die Augen öffnet? Er würde uns lehren, dass Gott immer, wirklich immer, auf der Seite der Entrechteten steht. Das verleiht dem Menschen Würde. Das glaube ich, und das erlebe ich.  Auch hier in Berlin.

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Morgen ist der Weltflüchtlingstag. Ein Gedenktag für die Leidtragenden von Flucht und Vertreibung. Gedacht wird der Toten; gewürdigt der verzweifelte Lebenswille, den Flüchtende täglich aufbringen.

Was Sarah und Yusra, was die Seenotrettung, die Hilfsorganisationen und auch viele in den Kirchen gegen das tausendfache Sterben im Mittelmeer tun - das tun sie stellvertretend - auch für mich. Für uns alle. Und für eine Welt mit Zukunft, in der Barmherzigkeit groß geschrieben wird.

Heute engagiert sich Sarah Mardini bei Sea Watch. Sie weckt Hoffnung, betont aber auch: Hoffnung allein ist zu wenig: „There is no time to hope, there is time to act. “ Wir haben keine Zeit mehr, auf etwas zu hoffen, wenn wir nicht ins Handeln kommen. Es ist die Zeit zum Handeln.

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.